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„E-Books ohne Handschellen“ 22.07.2015
Mit seinem „Laborverlag“ Pixelcraftbooks will Jakob Jochmann das Prinzip Buch radikal auseinander nehmen – und seine Essenz zum Leben erwecken. Gesucht: Digitale Literatur zum Verlieben. VON NILS KAHLEFENDT

Pixelcraftbooks heißt der Digitalverlag, den Jakob Jochmann im Sommer 2013 mit seinem Vater Ludger Jochmann, als Kinderbuchautor bekannt unter dem Pseudonym Knister („Hexe Lilli“) gründet. Rastergrafik und solide Handwerkskunst schwingen im Namen mit. Wie aber wird einer, der in Düsseldorf ein gefühltes halbes Dutzend Fächer von Anglistik bis Philosophie, dazu in Tokyo interkulturelle Kommunikation studiert hat, zum Verleger?

Jakob Jochmann kann sich noch gut daran erinnern, wie es sich anfühlte, als er sich in die Welt der Literatur verliebte: Die Schätze aus der Bibliothek, mit heißen Ohren verschlungen. Das Rascheln der Buchseiten, die Bilder. Fremde Welten, in die man sich verlieren konnte. Ein Erlebnis, das, wie er findet, noch nicht ansatzweise in die digitale Welt übertragen worden ist. „In was wird sich die nächste Generation verlieben?“, fragt sich der junge Mann, der selbst gerade Vater geworden ist. Werden die „digital natives“ unser Staunen, unsere Leidenschaft für Bücher noch teilen können? „Um als Verleger die Qualität von Leseerfahrung bieten zu können, die ich mir wünsche, musste ich mir erst die nötigen Werkzeuge schaffen.“

Wie entsteht Bedeutung, welche medialen Vermittlungsmechanismen greifen dabei? Noch während seines Studiums entdeckt Jochmann, dass sich sein kognitionswissenschaftliches Rüstzeug, gepaart mit IT-Kenntnis, auch auf dem bunten Feld des Content Marketing fruchtbar machen lässt. Hier ein pitch, dort eine Visualisierung: So lässt sich ein Langzeitstudium also zur Not auch finanzieren. Zur letzten Klausur erscheint er mit Anzug und Rollköfferchen, direkt von der Uni fliegt er zum Vorstellungsgespräch bei einer Londoner Unternehmensberatung – und wird eingestellt. Als ihn sein Vater um Hilfe bei der Umsetzung eigener Kinderbuch-Titel ins E-Book bittet, ist der alte Traum vom Lesen jenseits des rein Funktionalen wieder da.

Lange Monate tut sich Jochmann in der vom Digitalisierungs-Hype erfassten Branche um, die Erkenntnisse sind – aus seiner Sicht - ernüchternd: „Die Buchbranche hat sich in eine fatale Abhängigkeit von den großen Geräteherstellern und deren Ökosystemen begeben, um an ihren traditionellen Wertschöpfungsketten festhalten zu können. Entsprechend limitiert ist der Standard digitaler Literatur.“ In den gängigen „Containerformaten“, so Jochmann, gebe es auch kaum Möglichkeiten, sich über das dürftige Niveau zu erheben. Die Vision des Pixelcraftbooks-Verlegers: „Schöne Bücher in Browsern – statt hässliche auf E-Readern.“ Statt eine weitere Plattform á la wattpad, sobooks & Co. zu entwickeln, will Jochmann jedes Buch zu seiner eigenen Plattform machen. „E-Books ohne Handschellen“, gewisser Maßen. Dafür hat er ein Bündel an Scripten, Style-Sheets und eine Publishing-Maschine entwickelt, die er als Open-Source-Lösung gratis zur Verfügung stellen will. „Die Monetarisierung ist so nicht auf einen Flaschenhals beschränkt; jeder, der eine gute Idee hat, kann andocken.“ Das Modell der „digitalen Druckerpresse“ scheint gut skalierbar – sowohl für die Produktion elektronischer Bücher wie im Bereich von Online-Magazinen, wo „Scrollytelling“ längst zur Königsdisziplin des Multimedia-Journalismus ausgerufen worden ist. Doch Verlegen heißt in jedem Fall „Vorlegen“ – gerade für einen „Laborverlag“, als den Jochmann Pixelcraftbooks bezeichnet.

Jetzt, da die Basisfunktionalität und –optik erarbeitet ist, hat das Leipziger Start-up drei aufregende Pilot-Projekte in der Pipeline: Da ist zunächst eine digitale Version von Paul Maars Kinderbuch-Klassiker „Onkel Florians fliegender Flohmarkt“ (1977) – eine Zauberkiste voller kreativer Einfälle zum Anschauen, Vorlesen, Weiterspinnen – und damit ideal geeignet zu demonstrieren, was Jochmanns entfesseltes HTML im Jahr 2015 drauf hat. Eigentlich liegt die digitale Lizenz für diesen Titel bei Oetinger; die Hamburger finden den Pixelcraft-Ansatz jedoch so spannend, dass sie grünes Licht gaben: Bitte ausprobieren! Dass Paul Maar Jakobs Patenonkel ist, hat der Sache sicher nicht geschadet. Ferner tüftelt Jochmann an einem Erstleser- sowie einem Kochbuch, beide sollen mit der durchdachten Verknüpfung von Text und Interaktivität punkten. Das Geld für die Realisierung will Pixelcraftbooks via Crowdfunding einsammeln, für Verlagspartner, die sich an der Entwicklung beteiligen wollen, ist man ebenfalls offen. Das Know-how, das beim Experimentieren mit neuen, innovativen Lese-Angeboten entsteht, will der Laborverlag als Dienstleister weitergeben. Momentan, so gesteht der Verleger, ist „Selbstausbeutung“ allerdings noch die wichtigste Finanzierungsquelle des Unternehmens. Notfalls müssen hin und wieder ein paar Beratungsaufträge jenseits der Branche den Schornstein am Rauchen halten.

„Ich hatte bisher unheimliches Glück“, meint Jochmann, „aber natürlich auch gehofft, dass alles viel schneller geht.“ Damit ist er in Start-up-Kreisen nicht allein. In der „old economy“ glauben viele, man könne sich digitales Know-how einkaufen, indem man Studenten frisch von der Uni anheuert. Weit gefehlt: Talentierte Leute mit der richtigen Expertise, die sich theoretisch zwischen Leipzig, London oder Kalifornien entscheiden können, wachsen nicht auf den Bäumen. „Mit Geld kann ich die nicht ködern.“ Erschwerend kommt hinzu, dass Jochmann möglichst ohne Fremdfinanzierung auskommen will. „Ich möchte mich nicht von renditegetriebenen Investoren abhängig machen.“ Ziemlich mutig für einen Newcomer, sich ausgerechnet auf den Nischenmarkt digitaler Premium-Angebote zu werfen. „Man kann Lesen auf dem Tablett ‚griffiger’ machen als das Buch zum Anfassen“, schwärmt Jakob Jochmann. „Wir wollen auch von digitalen Texten gepackt werden, wie wir es von unseren Lieblingsbüchern kennen.“ Mal sehen, wohin diese Liebesgeschichte noch führt.

In einem Vortrag auf dem Münchner eBookCamp im Februar stellte Jakob Jochmann Beispiele und Vorbilder für eine plattformunabhängige Darstellung von elektronischen Büchern zur Diskussion. Hier geht es zu den Slides der Session.

Quelle: Börsenblatt online

Links zu dieser Meldung:
www.boersenblatt.net

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