Burgturm im Nebel
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"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Flüchtlinge sind im Stadtschreiberhaus willkommen 31.08.2015
Flüchtlinge sind im Stadtschreiberhaus willkommen

Frage: Wann und wo gibt’s das noch in Deutschland, ein Bierzelt voller Kenntnis, Lust an Literatur, gelingender Reden? Ein Anti-Bierzelt also? Antwort: Ende August in Bergen-Enkheim auf dem Marktplatz. So war es auch an diesem Wochenende wieder, zur 42. Verleihung des Literaturpreises "Stadtschreiber von Bergen". VON TORSTEN CASIMIR

Beim Anschrauben des Namensschilds: die neue Stadtschreiberin Ruth Schweikert © Kulturgesellschaft Bergen-Enkheim

Die mit 20.000 Euro dotierte und mit Wohnrecht im Stadtschreiberhaus verbundene Auszeichnung ging an die Schweizerin Ruth Schweikert.

Interessierte Erwartung machte sich breit, nachdem Bergens Ortsvorsteherin Renate Müller-Friese ein paar kluge Begrüßungsworte gesprochen und dabei gesagt hatte, dass „die Wahrheit uns nicht zur Verfügung steht“, wohl aber der Weg, „Sichtweisen kennenzulernen“, und genau das sei doch der tiefere Sinn der Stadtschreiber-Idee. Lokalstolz regte sich, nachdem Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth den Stadtschreiber-Preis als „eine einzigartige Marketing-Idee für das Lesen und das Buch“ gerühmt hatte.

Und Erleichterung mögen manche Anwesende gespürt haben, als der Festredner, der Soziologie-Professor Heinz Bude, die ersten Sätze seiner luziden Betrachtung über das Lachen formuliert hatte – denn an den letzten Festrednern gab es in der kleinen Gemeinde im Norden über Frankfurt immer etwas zu bemängeln: zu lang, zu schwer, zu frech. Bude hingegen beendete die rhetorische Pechsträhne der Bergener (wenn’s denn wirklich eine war) souverän, redete allenfalls zu kurz. Mit Blick auf das Mittelalter stellte er seinen Zuhörern das lachende Volk als „ein dissidentes, ein unbeherrschbares Volk“ vor. „Man weiß nicht recht, woran man mit ihm ist.“ Sein Lachen mache sich lustig „über die Lügen der Herrschaft“.

Die schlechte Nachricht: Von jener mittelalterlichen Freiheit eines „Brauchtums von unten“ sei heute nicht mehr viel übrig. Unser Lachen sei „das Lachen des „The-winner-takes-it-all“-Menschen, der Siegesgewissheit, der Ich-Stärke“. Dieses „Plakatlachen“ sei nicht echt, sondern aufgesetzt: ein „Lachzwang in der Kultur des Erfolges, ein Sich-nach-vorne-Lachen – siehe, ich habe alles im Griff“.

Das Bürgertum (was von ihm übrig ist) hingegen lache gar nicht mehr. Es lächle. „Das ist das Lächeln des Bescheidwissens, der Verhaltenheit, der Distanz“ – und damit auch ein Ausdruck der Ironie. Lachen, so Heinz Budes Fazit, könnten wir „am besten noch über uns selber – immerhin „eine anthropologische Möglichkeit“.

Mitten hinein in die intellektuelle Bierzeltheiterkeit platzte dann Ruth Schweikert, nachdem ihr der Stadtschreiberhausschlüssel von ihrer Vorgängerin Dea Loher übergeben worden war, mit einer ernsten, hochaktuellen Fantasie: Sie stelle sich vor, sagte die in Zürich lebende Schriftstellerin, wie sie ihre Stadtschreiberwohnung in den nächsten Monaten mit zwei drei Menschen teilen könnte, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen seien. Und jeden Freitag gegen Abend würde sie ein einfaches Essen kochen in dem Haus, und alle Bergener, die Freude daran hätten, seien eingeladen zur Begegnung mit ihr und den anderen Mitbewohnern. Die Schweizerin erinnerte an die berühmten Sätze ihres Landsmanns Max Frisch aus den 60er Jahren im Kontext der damals so genannten Gastarbeiter: „Ein kleines Herrenvolk sieht sich in Gefahr. Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen.“ Heute, 2015, habe man es in Deutschland auch nicht einfach mit einer „Flüchtlingskrise“ zu tun, „sondern wir sind Teil einer humanitären Notlage“.

Mag sein, so schloss Schweikert ihre Antrittsrede, dass ihre Idee vom Flüchtlingshaus bloß eine Vorstellung bleiben werde. Das Freitagessen allerdings „möchte ich einführen, wann immer ich hier bin“.

Quelle: Börsenblatt online

Links zu dieser Meldung:
www.boersenblatt.net

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