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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Preis der Leipziger Buchmesse 10.02.2008
15 Titel sind in drei Kategorien für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Der Berliner Literaturkritiker Wolfgang Schneider hat sich für das BÖRSENBLATT die Bücher genauer angesehen.

Sachbuch und Essayistik

Sachbücher sollen nicht nur gewichtig, sondern auch gut geschrieben sein. So offenbar die Devise der Jury, die auch bei ihren Nominierungen in der Kategorie Sachbuch mit einem Bein im Gebiet der schönen Literatur wandelt. Nicht nur, dass mit Michael Maar, Jan Philipp Reemtsma und Thomas Karlauf gleich drei Philologen und literarische Biografen vertreten sind. Auch Irina Liebmann ist zunächst einmal Schriftstellerin, Verfasserin von Romanen wie „Berliner Mietshaus“. Immerhin hat die Jury auch Bernd Greiners Buch über den Vietnamkrieg nominiert – ein bedeutendes historisches Werk.
Greiner, Professor für Geschichte und Mitarbeiter an Reemtsmas Hamburger Institut für Sozialforschung, beschäftigt sich mit den Gewaltmechanismen in einem asymmetrischen Krieg und dem Prozess der Selbstradikalisierung, der bei vielen GIs die Tötungshemmung drastisch herabsenkte. Der „Krieg ohne Fronten“, bei dem der Tod jederzeit in Form von Sprengfallen, Minen und Partisanen-Hinterhalten drohte, weckte Frustrationen und Aggressionen, die sich ihr Ersatz-Ziel unter den Zivilisten suchten. Der Feind war nirgendwo und überall. Wo keine Schlachten gewonnen werden konnten, wurde die bloße Zahl getöteter „Gegner“ zur Obsession. „Body Count“ als Karrierefaktor – Kriegsverbrechen und Massaker (Greiner schildert sie im blutigen Detail), waren da keine Entgleisung, sondern vorprogrammiert. „Es ist doch egal was du mit denen machst... Keiner sieht hier die Vietnamesen als Menschen“, so das Credo eines Soldaten, das die allgemeine Stimmung spiegelte. Analytische und darstellende Qualitäten verbinden sich in Greiners Studie. Sie verleiht dem Blick auf das in Film und Literatur bereits vielfach aufbereitete amerikanische Trauma eine ganz neue Tiefenschärfe.

Tiefenschärfe kennzeichnet auch die detektivische Philologie Michael Maars. In „Solus Rex“ hat er sich ein weiteres Mal einem seiner Hausheiligen zugewandt – dem russisch-amerikanischen Autor Vladimar Nabokov, den vielleicht auch Harry Potter gemocht hätte, wenn er nach Hogwarts Student der Literaturwissenschaft geworden wäre. So spektakulär wie „Lolita und der deutsche Leutnant“, wo Maar vor zwei Jahren eine mögliche deutsche Vorlage für „Lolita“ präsentierte und damit in Fachkreisen weltweit Aufsehen erregte, ist „Solus Rex“ nicht geraten. Hier geht es auch eher um die stillen Funde, die deshalb nicht weniger interessant sind.
So entdeckt Maar überraschende Parallelen zwischen Thomas Manns früher Novelle „Der kleine Herr Friedemann“ und Nabokovs Erzählung „Kartoffelelf“. Offiziell hatte der Autor der „Strong Opinions“ Leben und Werk Thomas Manns ja immer nur mit Häme kommentiert. Sicher gäbe es noch mehr überraschende Gemeinsamkeit zwischen den beiden Jahrhundertschriftstellern zu untersuchen, in literarischer Motivik und Thematik sowie gewissen biografischen Komplexen. Beide neigten zu unerlaubter und deshalb wahrscheinlich kaum je praktizierter Erotik. Thomas Mann favorisierte die noch unbärtigen Jungmänner, Nabokov war hingerissen von der Anmut halbwüchsiger Mädchen, den sogenannten „Nymphchen“. Es gehört zu den Verdiensten von Maars Buch, dass es sich diesem heiklen, in Zeiten der Kinderschänderdebatten eigentlich schon skandalträchtigen Thema, das in der Rezeption von „Lolita“ meist hinwegphilologisiert wird, widmet – diskret, aber deutlich, ohne Scheu vor Biografismus-Vorwürfen.

Waren sie denn alle Päderasten? In Thomas Karlaufs gewaltiger, im Herbst auch schon gewaltig gelobter Stefan-George-Biografie ist das Thema selbstverständlich ebenfalls präsent. "Von seinen Worten, den unscheinbar leisen / Geht eine Herrschaft aus und ein Verführen / Er macht die leere Luft beengend kreisen / Und er kann tödten, ohne zu berühren“ – dieses kleine lyrische Porträt, das der junge Hofmannsthal in genialischer Intuition nach seiner beklemmenden Begegnung mit George verfasste, wird von Karlauf in imponierender Materialbewältigung zu einem epochalen Panorama entfaltet.
Man muss George mit seinen Sektenführerzügen nicht sympathisch finden, bei aller Bewunderung für einige seiner Gedichte. Gerade deshalb möchte man aber vielleicht wissen (und bei Karlauf findet man Antwort), wie diese auf den ersten Blick sonderlingshafte Poetengestalt jenes Charisma entwickeln konnte, das eine Intellektuellengeneration beeindruckte und inspirierte, bis hin zu den legendären letzten Worten Graf Stauffenbergs vor dem Erschießungskommando: „Es lebe das geheime Deutschland.“

Georges ästhetische Weltdeutung und politische Metaphysik gehören zentral zur Geistesgeschichte des ersten Jahrhundertdrittels. Um so merkwürdiger, dass diese Biografie jahrzehntelang nicht geschrieben wurde, bis sich endlich mit Karlauf ein freier Autor, Verlagsmensch und Literaturagent an die siebenjährige Arbeit machte. Friedmar Apel rügte in seiner FAZ-Rezension das Versäumnis der Germanistik: An der Universität könnten „vor lauter Exzellenzinitiativen“ solche Grundlagenwerke offenbar nicht mehr entstehen.
Ein Grundlagenwerk legt auch Jan Philipp Reemtsma vor. „Vertrauen und Gewalt“ beschäftigt sich mit einer „Grundkonstellation der Moderne“. Zunächst verabschiedet Reemtsma die moralingetränkte Frage, mit der wir uns so oft der Geschichte der Kriege, Massaker und Menschheitsverbrechen zuwenden: Wie war es nur möglich? Wie konnten brave Familienväter zu solchen Schandtaten fähig sein? Als hätten sie nach Feierabend ihr Mordwerk aus Gründen der Stimmigkeit fortsetzen müssen. Ebenso gut könnte man fragen, meint Reemtsma mit Ironie, warum Familienväter Klavierspielen können. Es gehört nun einmal zum menschlichen Spektrum, das vom Schönen, Guten, Wahren bis zum Hässlichen, Schlechten, Bösen reicht. „Das ist so; Menschen können das und tun das immer wieder.“ Die Verwunderung über die mordenden Familienväter sieht Reemtsma als Ausdruck einer typisch modernen Kluft zwischen Norm-Ideal und Wirklichkeit.
Man kann sich auf eine selten eindringliche Analyse der Gewalt und ihrer Legitimation gefasst machen. Reemtsmas These: Zum Selbstentwurf der Moderne gehöre das Ziel der Gewaltfreiheit. Das heißt nicht, dass keine Gewalt ausgeübt wird. Im Gegenteil, gerade die Moderne war nicht zuletzt aufgrund ihren perfektionierten Tötungsinstrumente vielfach von extremer Gewalt geprägt. Gewalt in der Moderne sei aber nur legitim, so Reemtsma, wenn sie zumindest offiziell dazu diene, Gewalt einzudämmen. Sie benötigt immer die Rechtfertigung zum Guten, was zu Zeiten des hektorschleifenden Achill noch nicht so gewesen sei. Die Macht des Menschen, andere Menschenkörper lustvoll zu zerstören, gehöre zu den größten Dunkel- und Verdrängungszonen. Reemtsma nennt sie „autotelische Gewalt“ und widmet ihr desillusionierende Kapitel.
Immerhin, dem Begriff der Gewalt setzt er den des Vertrauens gegenüber. Vertrauen ist gesellschaftsbildend, es ist der soziale Kitt, ohne den die Weltwirtschaft und das menschliche Zusammenleben von einem Tag auf den anderen kollabieren würde. Auch der Buchmarkt. Denn wir vertrauen darauf, dass das Buch, das wir kaufen, lesenwert ist. Und oft trifft das ja auch zu, wie bei Irina Liebmanns Biografie ihres Vater Rudolf Herrnstadt.
Es ist eine etwas andere Geschichte der sozialistischen Epoche, als sie üblicherweise in den (berechtigten) historischen Abrechnungen geboten wird. Dabei geht es nicht um Verklärung, sondern darum, dem radikalen Idealismus, der Menschen wie den Journalisten Herrnstadt beim Aufbau der neuen Gesellschaft antrieb, in Erinnerung zu rufen. Herrnstadt (1903-1966), einer bürgerlichen jüdischen Familie entstammend, schlug sich auf die Seite der Kommunisten, als es gegen den Faschismus zu kämpfen galt. Er ging ins Moskauer Exil. Im Mai 1945 kehrte er mit der Roten Armee nach Berlin zurück und nahm für einige Jahre eine führende Rolle in der Presse der „Ostzone“ ein. Mit seinen demokratischen Idealen eckte er aber zunehmend im bürokratischen Apparat der SED-Diktatur an. 1953 wurde er als „Feind der Partei“ aus der derselben ausgeschlossen und gewissermaßen in die Provinz verbannt.
Liebmanns Hommage an den eigenen Vater ist eine erzählerische Vergegenwärtigung der frühen DDR, bevor die Inkompetenz fest im Sattel saß. Besonders fesselnd: das Kapitel über das monumentale Projekt der Stalinallee. 45.000 Menschen kamen hier am Tag des Baubeginns, dem 2. Januar 1952, um freiwillig bei der Enttrümmerung zu helfen. Schöner Wohnen aus Ruinen; menschenwürdige Behausungen für die Werktätigen; Hochstimmung in der Stalinallee. Eineinhalb Jahre später marschierten dort die Unzufriedenen.


Übersetzung

„Poetry is what gets lost in translation“, lautet ein berühmter Aphorismus des Lyrikers Robert Frost. Übersetzer werden da natürlich emphatisch widersprechen: „...what is won in translation!“
Und das möchte verstärkt für Deutschland gelten, laut einer Unesco-Studie weltweit Nummer eins, was den Anteil der übersetzten Bücher betrifft. „Wir sind ein reiches Übersetzerland“, meinte kürzlich auch der Kulturstaatsminister. Wobei die Übersetzer in der Regel eben nicht reich werden. Damit sie immerhin nicht komplett verarmen, dafür gibt es Stipendien und Preise. Dass der viel beachtete Leipziger Buchpreis nicht nur an Erzähler und Sachbuchautoren, sondern auch für herausragende literarische Übersetzungen verliehen wird, unterstreicht den Stellenwert dieser Kunstform besonders nachdrücklich.
Arno Schmidt, der selbst Übertragungen mit höchstem Anspruch schuf, meinte einmal launig, die Hälfte der Übersetzungen sei besser als das Original. Zumindest für die andere Hälfte gilt: Übersetzungen altern schneller als Original. Oft liegt es daran, dass die Wortgeschichte in der Übersetzungssprache einen anderen Verlauf nimmt. Gibt es zwischen zwei Sprachen sowieso kaum Worte, die mit ihrem Hof von Nebenbedeutungen und Assoziationen identisch sind, klafft diese Differenz im Lauf der Zeit immer weiter auseinander.
Die alten Übersetzungen umwölkt allmählich ein Grauschleier, der immer wieder von neuem weggerissen werden muss. Deshalb erscheinen alle Jahre wieder Klassiker-Neuübersetzungen, die uns die großen Werke in die einzig angemessene Sprachgestalt zu kleiden scheinen und zu augenöffnenden Neulektüren veranlassen.
So bei Stendhals vielleicht bestem Roman, „Die Kartause von Parma“, den Elisabeth Edl nach ihrer bereits vielgelobten Übersetzung von „Rot und Schwarz“ nun in eine frische deutsche Fassung gebracht hat. Die Handlung spielt in napoleonischer Zeit und setzt mit einer furiosen Schlachtbeschreibung ein. Lodernde Leidenschaft, skrupellose Willensmenschen, großherzige Helden und eine atemlose Jagd nach Glück – all das kennzeichnet dieses Buch aus dem Jahr 1839, das Realismus und Romantik, Renaissancehaftes und Modernes merkwürdig mischt. Die Übersetzerin hat sehr viel länger an dem umfangreichen Romantext geschliffen als der Autor: Stendhal verfasste die „Kartause“ in einem Schreibrausch von wenigen Wochen.
Wie lange Homer an der „Odyssee“ gearbeitet hat, werden wir wohl nicht mehr erfahren. Dafür aber erhalten wir von Kurt Steinmann eine Antwort auf die Frage, warum er selbst – nach der maßgeblichen Prosaübersetzung von Wolfgang Schadewaldt aus dem Jahr 1958 – nun wieder eine „Odyssee“ in Hexametern vorlegt, die bereits viel gepriesen wurde: „Ganz einfach. Weil Homer in Hexametern gedichtet hat.“ Solche Rückkehr zur gebundenen Form liegt im Trend und ist auch in der Gegenwartslyrik seit einiger Zeit zu beobachten.
Im Trend liegen auch Ritter. Ein halbes Jahrtausend nach „Don Quichote“, dem Abgesang auf die Gattung des Ritterromans, wollen die Menschen wieder lesen von jenen Männern, die unter scheppernden Rüstungen starke innere Werte bargen, nach denen sie gelegentlich auch ihr abenteuerreiches Handeln ausrichteten. Das Renaissance-Epos vom Weißen Ritter Tirant lo Blanc, das weniger durch phantastische Zugaben (Zaubertränke, Fabeltiere etc.) als durch Wirklichkeitsnähe überzeugt, ist trotzdem wohl kein Kandidat für die Bestsellerliste. Aber die Nominierung von Fritz Vogelsangs Martorell-Übertragung aus dem Katalanischen ist die Würdigung einer außerordentlichen Sprachleistung.
So sehr man Frank Heibert, dem bereits mehrfach preisgekrönten Übersetzer großer amerikanischer Gegenwartsautoren, eine weitere Auszeichnung gönnt – längst ist „Die Lage des Landes“, Richard Fords dritter Roman über den Ex-Sportreporter, Immobilienmakler und Zeitgeistseismographen Frank Bascombe auch hierzulande im Gespräch. Für einige Kritiker war es gar das Buch des Jahres 2007. Wenn der Preis also ein Anstoss für den Buchmarkt sein und einem Werk verdiente Aufmerksamkeit verschaffen soll, müsste er an Gabriele Leupolds Übersetzung von Warlam Schalamows „Durch den Schnee“ gehen, den ersten Teil der bei Matthes & Seitz auf drei Bände geplanten „Geschichten aus Kolyma“. Es ist ein hierzulande noch kaum bekanntes literarisches Grundlagenwerk über den Gulag. Zwanzig Jahre verbrachte Schalamow in den Arbeitslagern, davon vierzehn (1937 bis 1951) im Dauerfrostgebiet von Kolyma im fernen Osten der Sowjetunion. „Durch den Schnee“ enthält 33 schockgefrorene Erzählungen, die davon berichten, wie der Mensch im barbarischen Lageralltag in kürzester Zeit zur Bestie wird – gequält von Kälte, Prügeln, Schwerstarbeit und Hunger.
Fehlt jemand auf der Liste? Vielleicht Gerhardt Csejka, der Mircea Cartarescus „Die Wissenden“ glänzend aus dem Rumänischen transferiert hat. Aber dieser extreme Roman hat vielleicht noch nicht die literaturgeschichtliche Gediegenheit, die auch der Bascombe-Trilogie bereits zukommt.

Quelle: Börsenblatt online

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