Burgturm im Nebel
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"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Der Sprache den Puls gefühlt 01.01.2016
Wie steht es um das Deutsche? Von vielen geliebt, von Mark Twain verachtet, ist unsere Sprache in der Praxis zahlreichen Gefährdungen ausgesetzt: hohlem "Imponierdeutsch", schwer verdaulichem "Wissenschaftsdeutsch" und bevormundendem "Gerechtigkeitsdeutsch". Roland Kaehlbrandt geht in "Logbuch Deutsch" den Gründen für die Geringschätzung unserer Sprache nach. Ein panoramatischer und zugleich detailreicher Überblick über die Wirklichkeit und die Zukunftsaussichten des Deutschen.

Das Deutsche ist eine reiche Sprache: Sie erlaubt eine mühelose Wortbildung, schöne Wortkombinationen und eine flexible Wortstellung im Satz. Mit mehr als 100 Millionen Muttersprachlern weltweit belegt sie Rang 10 der verbreitetsten Sprachen. Dennoch, so Roland Kaehlbrandt in seinem bei Klostermann erschienenen "Logbuch Deutsch", läuft das Deutsche Gefahr, seinen Status als vollentwickelte Kultursprache allmählich zu verlieren und zu einer alltäglichen Gebrauchssprache zu verkommen.

Kaehlbrandt analysiert mehrere Tendenzen, die der deutschen Sprache heute zusetzen. Da ist zum einen das hohle Imponierdeutsch, das der Managementsprache entstammt und inzwischen in zahlreiche gesellschaftliche Bereiche vorgedrungen ist. Die Wörter des Imponierdeutschen zeichnen sich durch Abstraktheit aus – wie "Wandel", "Struktur", "Strategie" oder "Innovation" – , entbehren aber häufig jeder Substanz. Sie bezeichnen eher eine Geste, als dass sie einen Gegenstand beschreiben oder einordnen.

Tradition des Schwerverständlichen

Nicht besser steht es um das Wissenschaftsdeutsch, das in der Tradition der schweren Verständlichkeit steht. In der Geschichte der deutschen Wissenschaftssprachen habe es immer wieder die Neigung gegeben, "Verständlichkeit, Stil und Rhetorik geringzuschätzen, weil sie vom wahren Gehalt ablenken könnten", so Kaehlbrandt. Eine größere Gefahr sei allerdings der drohende Domänenverlust der deutschen Wissenschaftssprache: Immer mehr Disziplinen gingen dazu über, das Deutsche zugunsten des Englischen aufzugeben. Selbst in den Sprachwissenschaften setze sich dieser Trend durch, und eines Tages dürfte auch die Germanistik nicht davon ausgenommen sein. Wenn aber das Deutsche seine Kompetenz in der Wissenschaftssprache ans Englische abgebe, ginge ihr ein wesentlicher Teil abhanden.

Was sich in der Forschung vollziehe, gelte auch für die universitäre Ausbildung, so der Autor: Immer mehr Hochschulen führten englischsprachige Studiengänge ein, ausländische Gaststudenten lernten die deutsche Sprache nicht mehr kennen.

Scheinbar völlig zwanglos kommt das "Lockerdeutsch" daher, das mit wenigen "Hallo"-Variationen und 'sinnstiftenden' Floskeln wie "Kein Thema!" und "Keine Ahnung!" auszukommen scheint. Es ist gepaart mit einer um sich greifenden Du-Kultur, die die alte Unterscheidung zwischen "Sie" und "Du" nicht mehr kennt. In der täglichen Kommunikation, so Kaehlbrandt, dringe zudem die Mündlichkeit in alle schriftlichen Äußerungen vor.

Der Weg in die "Bevormundungsgesellschaft"

Weitere Gefahren drohen dem Deutschen aus einem ganz anderen Bereich: dem der moralischen Sprachregulierung, die meist in "gegenderten" Begriffen (Polizist_innen) oder geschlechtsneutralen Bezeichnungen ("die Studierenden") Gestalt annimmt. Die Absicht von "Gerechtigkeitssemantikern", das gesellschaftliche Leben über die Sprache zu regulieren, führe in die "Bevormundungsgesellschaft", in der "nichts Falsches, Anrüchiges, Reaktionäres mehr seinen Platz hat; in der nichts Zotiges, Derbes, Verqueres mehr geduldet wird; in der das, was heutigen Ideologien widerspricht, geächtet wird", so Kaehlbrandt. Imponierdeutsch, Wissenschaftsdeutsch und "Gerechtigkeitsdeutsch" hätten eine Gemeinsamkeit: die "vollständige Abwesenheit von Humor".

Was der deutschen Sprachgemeinschaft insgesamt abzugehen scheint, so Kaehlbrandts mehrfach geäußerter Befund, ist Selbstbewusstsein. Zu oft, so der Autor, stelle man die Vorzüge der eigenen Sprache hintan, um sich dem herrschenden Sprachdiskurs oder einer vermeintlich überlegenen Verkehrssprache unterzuordnen. Das gilt für den "CEO", der englische Vokabeln wie "Entrepreneurship" oder "Corporate Social Responsibility" (kurz: CRS) übernimmt, für den Studiengangskoordinator, der Testergebnisse "matcht", oder für das Unternehmen, das den "Hausmeister" durch den "Facility Manager" ersetzt. Auch im europäischen Kontext, so der Autor, spiele das Deutsche gemessen an seiner Verbreitung eine Nebenrolle – wozu auch "eilfertige" deutsche EU-Beamte beitrügen, indem sie etwa für einen deutschen EU-Kommissar eine französischsprachige Vorlage schrieben oder sich mit einer deutschen Journalistin im Flüsterton auf Englisch unterhielten.

Verlust der Sprachbeherrschung

Sorgen macht sich Kaehlbrandt, darin mit vielen Experten übereinstimmend, über den Verlust an Sprachbeherrschung, der an Schulen und Universitäten zu beobachten sei – nicht nur bei der Rechtschreibung, sondern bei sämtlichen grammatikalischen Wörtern, bei Wortwahl und Stil. An die Bildungspolitik richtet er (auch im Hinblick auf die sprachliche Integration von Zuwandererkindern) eine Reihe von Forderungen, die aus seiner Sicht "ein Fortschritt" wären:

"Ein klares Bekenntnis zur deutschen Hochsprache als anzustrebender Bildungsnorm,
eine verpflichtende Ausbildung in Deutsch als Zweitsprache sowie für sprachsensiblen Unterricht,
eine hinreichende Anzahl von Deutschstunden in den Schulen sowie in den Ballungsräumen,
eine verlässliche Sprachförderung von Zuwanderern beispielsweise nach kanadischem Muster
Dem "Logbuch Deutsch" – diesen Eindruck gewinnt man nach der Lektüre – ist eine jahrelange, intensive Beschäftigung mit dem Phänomen Sprache, mit der Sprachpraxis und mit ihren Verfallsformen vorausgegangen. Roland Kaehlbrandt gelingt eine umfassende Bestandsaufnahme, die nicht nur einzelne Beobachtungen aufspießt, sondern die gesamte Entwicklung der deutschen Sprache in den Blick nimmt: faktengesättigt, gelegentlich meinungsstark und glücklicherweise auch bisweilen sarkastisch.

Roland Kaehlbrandt: "Logbuch Deutsch. Wie wir sprechen, wie wir schreiben." Verlag Vittorio Klostermann (Rote Reihe), 252 S., 14,80 Euro

Quelle: Börsenblatt online

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